Segelscheine — welchen wählen und wie erwerben?
Es gibt keinen schlechten Zeitpunkt, seglerisches Wissen zu erweitern. Um das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden, lohnt es sich, über den Erwerb oder Ausbau seglerischer Qualifikationen nachzudenken — also über einen neuen Schein. An Optionen mangelt es heute nicht: Sie können den polnischen PZŻ-Schein anstreben, den kroatischen Voditelj Brodice, den britischen RYA und einige weitere. Welcher eröffnet die meisten Möglichkeiten?
Erfahrung, Können und Qualifikation — diese drei Bereiche sollte jeder entwickeln, der Törns als Skipper führen möchte oder bereits führt. In Polen haben sich zuletzt die Vorschriften für Segler in dieser Funktion geändert. Im März 2018 erließ das Ministerium für maritime Wirtschaft und Binnenschifffahrt eine neue Verordnung über die Anforderungen an Besatzungsmitglieder und Skipper gewerblicher Törns. Das Dokument zeigt deutlich, in welche Richtung man seine Fähigkeiten entwickeln sollte — insbesondere, wenn man gewerbliche Törns führen will (http://dziennikustaw.gov.pl/du/2018/490/1).
Autor: Adam Jakubczak
Nach der ungünstigsten Auslegung der Verordnung gilt ein Törn bereits dann als gewerblich, wenn der Skipper sich nicht in vollem Umfang an den Beiträgen und Kosten der Yacht beteiligt — ebenso, wenn er an dem Törn verdient.
Daraus folgt eine einfache Erkenntnis: Wer eine Yacht führen will, muss Erfahrung sammeln, Fähigkeiten ausbauen und Qualifikationen erweitern.
Praxis und Wissenserwerb
Jeder vernünftige Mensch wird zustimmen, dass Übung den Meister macht. Doch wo soll man segeln üben, wenn das Wetter draußen ist, wie es ist? Noch vor Kurzem galt der Winter als tote Saison; heute stehen zahlreiche professionelle Meilentörns in Revieren zur Wahl, die während des polnischen Winters durchaus brauchbare Segelbedingungen bieten. Es gibt Törns, die nicht nur aktive Erholung in anspruchsvollen Gewässern bieten, sondern auch echte Ausbildung. Das stetig wachsende Angebot lässt wirklich viel Interessantes und Abwechslungsreiches auswählen. Bedenken Sie jedoch: Nicht jeder Törn vermittelt dieselbe Erfahrung, so ähnlich sie auf dem Papier auch aussehen mögen.
Es gibt immer mehr Schulen, die professionelle Ausbildungen auf allen Stufen zahlreicher Systeme anbieten — und zwar ohne Garantie auf das Bestehen der Prüfung. In der Ausbildung erwerben wir schließlich die Fähigkeiten, von denen unsere Sicherheit abhängt; die Prüfung muss also feststellen, ob wir sie tatsächlich haben. Wenn Sie Ihre Familie mit aufs Meer nehmen, werden Sie es womöglich bereuen, falls Ausbildung und Prüfung weder fair noch fordernd waren. Sie sollten stets für die Sicherheit derjenigen sorgen können, die mit Ihnen segeln. Sorgen Sie dafür, dass es dann nicht zu spät zum Lernen ist. Die notwendige Grundlage dafür ist der Besitz der passenden Qualifikation.
Welchen Schein wählen
Zur Wahl stehen heute mehrere Ausbildungssysteme und damit mehrere Scheine und Berechtigungen zum Führen von Yachten. Wir gehen die wichtigsten und verbreitetsten durch.
Die meisten europäischen Länder haben eigene Ausbildungssysteme, doch unterscheiden sich die Scheine von Land zu Land sowohl in den Erwerbsvoraussetzungen als auch in den Berechtigungen. In den meisten Ländern — darunter Polen im PZŻ-System — sind die Prüfungen in der Landessprache abzulegen, doch gilt das nicht überall. In Kroatien und Griechenland können Sie die Prüfung auf Englisch oder sogar auf Polnisch ablegen. Wegen dieser Erleichterung entscheiden sich viele in der Adria segelnde Polen für diese Qualifikationen. In den Anrainerstaaten der Adria sind naturgemäß die nationalen Scheine der jeweiligen Reviere am besten anerkannt.
Auf See trifft man außerdem häufig Segler mit Scheinen aus anderen Ländern. Ob diese besser oder schlechter sind, lässt sich nicht eindeutig sagen, denn die dahinterstehenden Ausbildungssysteme unterscheiden sich oft erheblich. Bekanntlich macht nicht der Schein den Skipper — ohne ihn darf man jedoch nicht fahren. Prüfungen sind dazu da, Erfahrung und Wissen eines Skippers objektiv zu bestätigen.
Autor: Adam Jakubczak
Wir müssen bedenken, dass beide Scheine, der polnische wie der kroatische, auf Skipper-Niveau nur private, nicht gewerbliche Törns erlauben. Für gewerbliche Törns sind in Polen gesonderte Berechtigungen erforderlich, die an der Seefahrtsakademie in Gdynia erworben werden können. Sie sind allerdings recht kostspielig, und ihr Erwerb setzt zudem eine vielmonatige Erfahrung auf Fahrzeugen über 15 m voraus (Einzelheiten auf der Website der Schule: http://morska.edu.pl/pl/page/163/lista-kursow-zeglarskich).
Im kroatischen System erlaubt der Schein C Voditelj Brodice — das Pendant zum polnischen Kapitän — hingegen das gewerbliche Führen von Yachten bis 30 Bruttoregistertonnen.
Bemerkenswert ist, dass die große Mehrheit der Länder, die Resolution Nr. 40 der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen mit den Anforderungen an internationale Kompetenzen im Freizeitsegeln angenommen haben, auf Grundlage nationaler Lizenzen ein International Certificate of Competence (ICC) ausstellen darf. Das Zertifikat betrifft das Freizeitsegeln, wird aber auch von vielen Unternehmen verlangt, die Segler und Skipper beschäftigen. In vielen Ländern begegnet Ihnen also das vereinheitlichte ICC, und langfristig soll dieses Zertifikat in allen Ländern, die Resolution 40 angenommen haben, für Charter und Versicherung erforderlich sein. Polen hat sie leider nicht angenommen, sodass PZŻ-Scheine nicht in ein ICC überführt werden können.
Nachfolgend stellen wir das polnische PZŻ-System und das kroatische Voditelj-Brodice-System gegenüber. Die Daten stammen von den offiziellen Websites beider Ausbildungssysteme.
Zertifikate bekannter Schulen
Zunehmend beliebt sind die Ausbildungssysteme internationaler Schulverbände; die in Europa bekanntesten sind der britische RYA und ISSA. Neben Qualifikationen, die den polnischen und kroatischen Scheinen entsprechen (siehe Tabelle), vergeben sie auch Zertifikate über grundlegende seglerische Fähigkeiten oder darüber, dass der Inhaber als ausgebildetes Besatzungsmitglied fahren kann — „Crew Yacht“ bei ISSA sowie „Start Yachting“ und „Competent Crew“ beim RYA.
Wer in Gewässern der Vereinigten Staaten segeln möchte, sollte wissen, dass dort — wie in Polen — Resolution Nr. 40 nicht angenommen wurde und das ICC in den USA nicht erworben werden kann. Charterfirmen verlangen es nicht, gern gesehen ist es beim Anmieten einer Yacht dennoch.
In den Vereinigten Staaten hat das Ausbildungssystem der ASA (American Sailing Association, https://asa.com/) große Verbreitung gefunden. Da sich amerikanische Qualifikationen schwer in ein ICC überführen lassen, wurde für die Zusammenarbeit mit europäischen Charterfirmen ein neues International Proficiency Certificate (IPC) eingeführt, das auf Grundlage der ASA-Qualifikationen erworben werden kann.
Das amerikanische IPC soll ebenso wie das europäische ICC künftig von allen Charter- und Versicherungsunternehmen verlangt werden. Damit lässt sich womöglich erreichen, dass Erfahrung, Können und Wissen in Europa und Amerika auf allen Qualifikationsstufen vergleichbar werden.
Die veröffentlichte Gegenüberstellung der Anforderungen von ISSA und RYA beruht auf den offiziellen Websites beider Ausbildungssysteme.